Univ.-Prof. Dr. Ina Willi-Plein verstarb nach längerer Krankheit und dennoch unerwartet am 5. Januar 2026 im Alter von 83 Jahren. Mit ihr verliert der Fachbereich Ev. Theologie eine ausgewiesene und international höchst anerkannte Forscherin, eine engagierte Lehrerin und eine Kollegin, die das, was sie tat, mit ganzem Herzen tat – für das Fach Altes Testament ebenso wie für den Fachbereich Ev. Theologie.
Ina Willi-Plein studierte von 1961-1967 Ev. Theologie und Philologie (Latein und Hebräisch) in Göttingen und schloss mit dem Staatsexamen ab. Von 1968-1969 war sie Assistentin am Lehrstuhl für Altes Testament bei Herbert Donner in Tübingen, wo sie 1970 promovierte. Habilitiert wurde sie 1988 an der Universität Basel (Schweiz), wo sie auch viele Jahre als Lektorin für Hebräisch lehrte. 1994 übernahm Ina Willi-Plein die Professur für Altes Testament und spätisraelitische Religionsgeschichte am Fachbereich Ev. Theologie der Universität Hamburg bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 2007.
Die Forschung Ina Willi-Pleins ist verschiedenen Textbereichen des Alten Testaments gewidmet, wobei die prophetischen Schriften, die Erzählungen der Genesis und des Exodusbuches sowie die Davidhausgeschichte Schwerpunkte bilden. Die Themen, die sie mit diesen Textkorpora verbindet, sind über die gut 40 Jahre ihrer Forschungsarbeit immer aktuell geblieben, wie die Auseinandersetzung um Schriftlichkeit und Mündlichkeit in prophetischer Rede, Zeit und Zeitlichkeit oder das Geheimnis der Apokalyptik. Ina Willi-Plein widmet zahlreiche Exegesen der Perspektive von Frauengestalten, weil es ihr wichtig ist, jedoch ohne daraus ein eigenes Thema zu machen. Sie lässt sich in ihrer Forschung zudem nicht auf das begrenzen, was der Denomination des Lehrstuhls entsprechend als „spätisraelitisch“ bezeichnet werden könnte, sondern nimmt christliche und jüdische Auslegungstradition in ihre Überlegungen mit auf.
Ina Willi-Plein verbindet in ihrer Forschung philologische Präzision, historische Konkretion und theologische Tiefe. Der treffende Titel eines Sammelbandes, der anlässlich ihres 60sten Geburtstages herausgegeben wurde, lautet: „Sprache als Schlüssel“. Er könnte als Überschrift über einer Vielzahl von Arbeiten Ina Willi-Pleins stehen, die in philologischen Beobachtungen ihren Ausgang nehmen, diese jedoch in kritisch-theologische Urteile überführen. Eindrücklich ist in dieser Hinsicht der Kommentar zu den Büchern „Haggai, Sacharja, Maleachi“ in der Reihe Zürcher Bibelkommentare von 2007. Der Kommentar zu Deuterosacharja in der Reihe Biblischer Kommentar ist bereits in Teilen veröffentlich, am letzten Kapitel hat sie noch bis zu ihrer Erkrankung gearbeitet. Sie hat in ihren Publikationen die Fachkollegen und Fachkolleginnen im Blick und schreibt doch auch für theologisch interessierte Laien. Das gilt u.a. für den bereits 1988 erschienen Kommentar zum Buch Exodus und auch für den 2011 erschienenen Kommentar zu Genesis 12-50.
Die Liebe Ina Willi-Pleins zur Hebräischen Sprache hat zudem in ihrem unermüdlichen Einsatz für die Einrichtung des Bakkalaureatsstudiengangs „Althebraistik“ ihren Ausdruck gefunden. Die Sprache ist auch hier der Ausgangspunkt in einen Einstieg in die Welt des alten Israel und des antiken Judentums sowie der semitischen Philologie. Der Studiengang ist ein weiteres wichtiges Erbe, das Ina Willi-Plein dem Fachbereich und der Universität in Hamburg hinterlässt. Es ist ein Kleinod, das es so nur äußerst selten gibt. Ganz im Sinne Ina Willi-Pleins ist das Studienfach Althebraistik inzwischen zu einem wichtigen Verbindungsglied geworden zwischen dem Fachbereich Ev. Theologie, der Judaistik und der Sprachwissenschaft, der in Hamburg ansässigen Äthiopistik, den Asien- und Afrikawissenschaften und der Islamwissenschaft.
Den Arbeiten Ina Willi-Pleins spürt man ab, dass sie es sich nicht einfach macht in ihrer Urteilsfindung. Sie fragt eher noch einmal nach, prüft und beleuchtet den Sachverhalt von verschiedensten Seiten. In dieser Hinsicht war und bleibt Ina Willi-Plein ein Vorbild für Kolleginnen und Kollegen und nachfolgende Generationen von Forschenden: neugierig sein, den Blick für das Detail bewahren, noch einmal prüfen, sich nicht vorschnell zufrieden geben. Schaut man auf die Publikationstitel, dann fällt auf, dass häufiger Ausdrücke wie „Zwischenergebnisse“ – wohlgemerkt handelt es sich hier um einen Teil des Untertitels zu der Monographie „Opfer und Kult im alttestamentlichen Israel“ von 1993 – „Annäherungen“ oder „Wiedererwägungen“ begegnen. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Arbeit an und mit den Texten des Alten Testaments nicht zum Abschluss kommen kann. Was Forscherinnen und Forscher leisten können, sind Annäherungen. Das meint keinen Verzicht auf ein Urteil, aber das Bewusstsein, dass es nur vorläufig sein kann.
Ina Willi-Plein hinterlässt ihren Mann Thomas Willi, mit dem sie in einer lange Ehe innig verbunden war, drei Kinder und Enkel. Sie waren ihr sehr wichtig.
Der Theologische Fachbereich gedenkt Ina Willi Plein mit großer Dankbarkeit, ihr herzlich zugeneigt.
Prof. Dr. Christoph Seibert
Sprecher des Fachbereichs Ev. Theologie
Universität Hamburg
Prof. Dr. Dr. h.c. Corinna Körting
Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Altes Testament